Spanisch lernen in Spanien –
Pilgern auf dem Jakobsweg
Camino de Santigo 2004

Caminante, son tus huellas
el camino, y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace el camino al andar.

Antonio Machado y Ruiz

 

Wanderer, deine Spuren sind
der Weg, und sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
der Weg entsteht beim Gehen.

Am 16. Mai 2004 trat die siebenköpfige Gruppe ihren Flug von Hannover aus an. Zwei Stunden später erreichten sie Bilbao, eine der großen Industriestädte Spaniens in der Atlantiknähe. Mit dem Bus ging es dann weiter nach Pamplona, Endstation für den ersten Tag und endlich Zeit zum Kräfte tanken, denn die ersten Etappe stand schon am nächsten Tag bevor. Es sollte zu Fuß auf Spaniens bekanntestem Pilgerpfad, dem „Camino de Santiago“ (auch Jakobsweg) nach Burgos gehen. Der Pilgerpfad wurde nach einem der zwölf Jünger Jesu benannt, dem Heiligen Jacob, dessen Wirken maßgebend für die Christianisierung des Landes war.

In neun Tagen und ebenso vielen Etappen legte die Gruppe rund 215 km (fast 24 km pro Tag) zurück. Das entspricht etwa einem Drittel des gesamten Jakobweges. Zwischen 20 und 34 km wurden täglich gelaufen. Wetterjacke, Wanderschuhe und Verbandsmaterial erwiesen sich dabei als unabdingbar.

Die ersten Kilometer gestalteten sich noch recht angenehm, da die Landschaft einen atemberaubenden Anblick bot. Allerdings verhielten sich die körperlichen Kräfte genau entgegengesetzt zur Anzahl der Anstiege. Erstere nahmen nämlich ab, je mehr die Kilometerzahl erhöhte. Was allerdings niemand davon abhielt, schon am ersten Tag insgesamt 21 km zurückzulegen.

Nach einer erholsamen Nacht in Puente la Reina führte der Weg nach Estella und einige Tage später nach Nájera. Es waren 30 Grad im Schatten, und die ersten Blasen ließen nicht lange auf sich warten; was noch nicht das Schlimmeste war, denn zu allem Überfluss verbrachten sie diese Nacht auf einer Isomatte in einer Turnhalle.

Etwas zerschlagen, aber motiviert und neugierig auf die kommenden Tage ging es Etappe für Etappe weiter über Logroño, und Santo Domingo de la Calzada nach Burgos. Die Stimmungen auf dieser Reise umspannten das gesamte Spektrum von Hass bis zu den höchsten Glücksgefühlen. „Hass, weil der Weg einem so lang und ewig vorkommt, weil man einfach nur ankommen, Duschen, Essen und Schlafen will und weil trotz seiner größten Anstrengungen ältere Pilger und Pilgerinnen an einem vorbeiziehen und man sich vorkommt, als würde man stehen und wenn sie dann, in solch einer Lage, noch ganz freundlich „buen camino“ sagen, scheint es so, als würde dies einem den Rest geben und der letzte Hauch von Motivation ginge in einem flöten,“ beschreibt Martin Schiele.

Aber pilgern wäre nicht pilgern, gäbe es da nicht noch andere Momente. Momente, in denen alle Strapazen vergessen sind und man weiß, es hat sich gelohnt. „Wenn man in einer Pause mit anderen Pilger das Essen tauscht oder manche aus der Gruppe von einem wildfremden Mann in einem Dorf einen Wanderstock geschenkt bekommen, oder dass man sich mit Menschen aus der ganzen Welt in Englisch, Deutsch, etwas Spanisch, den letzten Brocken  Französisch und mit Händen und Füßen unterhält,“ sagt er.
Einen bleibenden
Eindruck hinterließ
folgende Begebenheit:

„Ein Brasilianer hatte seine Bauchtasche verloren, in der sich alles Geld, sein Pass, seine Flugtickets und sein Pilgerausweis, ohne den man in keiner Herberge übernachten darf, befand. Er traf auf unsere Gruppe und fiel weinend und erschöpft zwischen uns nieder, als wir ihm diese zurückgeben konnten. Aus Freude und Erleichterung darüber versprach er als Dankeschön ein Video zu schicken, denn es handelt von einem Brasilianer, der mit einem Einrad den Jakobsweg befuhr.“ All diese Ereignisse, die Sonnenaufgänge, die Blasen an den Füßen und das ständige Auf und Ab der Gefühle - und es am Ende doch zu schaffen, seine Grenzen zu überwinden und nicht aufzugeben, das prägt uns über den Weg hinaus. Denn was gibt es wertvolleres als die „kleinen“ Dinge des Lebens schätzen zu können.

Camino de Santigo
5. bis 15. April 2006
„…Der sandige, lehmige Boden unter meinen Füßen gab leicht nach. Die Füße schmerzten und die Riemen des schweren Rucksacks drückten schwer auf Schulter und Hüfte. Der Geh-Stock, der mein Gewicht verlagern sollte, drückte sich schwer in den Boden….“ 

1300 Meter über dem Meeresspiegel pilgerten sieben Schülerinnen & Schüler und ein Spanisch-Lehrer auf dem legendären Jakobsweg in Spanien, dem Camino de Santiago. Im tiefen Norden Spaniens, genauer im landwirtschaftlich geprägten Galicien, wanderten die Acht auf altem, meist auch unwegsamem Gelände durch die atemberaubenden Landschaften der Iberischen Halbinsel. Bepackt mit meist zehn Kilogramm  schweren Rucksäcken, die neben dem obligatorischen Schlafsack und der ISO-Matte auch Proviant und Wechselkleidung, die meist aus 3-mal Unterwäsche, 3 Paar Strümpfe, 3Wanderhosen, 3 T-Shirts usw. bestand, beinhalteten.

Zehn lange Tage dauerte die Pilgerschaft deren beschwerlichen Weg bereits schon so viele Menschen vor ihnen angetreten sind.

Franziska Hünert, Franziska Semella, Samuel Krause, Sebastian Günther, Richard Staffen, Eric Makswitat, Martin Gerbothe und Uwe Lorenz sind nun am 3. Tag auf dem Gipfel O’Cebreiro angekommen. Erschöpft, aber glücklich über das Erreichen des ersten Etappenzieles für heute, besichtigten sie die Geschichten umwobene Kapelle und wärmten sich mit einem „gran café con leche“, einem Milchkaffee, auf.

„…Eine alte, verwitterte Steinmauer grenzt den kleinen Ort auf dem Gipfel ein. Schaut man über sie hinweg, entdeckt man Abhänge die sich bis tief hinab ins Tal erstrecken. Der Nebel wabbt an den Hängen und kühle, erfrischende Luft atme ich ein. Doch an diesem Ort werd ich nicht verweilen können, der Abstieg wartet…“

Die Schüler besuchen die Berufsbildenden Schulen im entfernten Quedlinburg. Warum man sich für diese Strapazen freiwillig entschied, erschließt sich für jeden Einzelnen erst in den nächsten, kommenden Tagen. Genau dann als all die Probleme des Alltags durch die Ruhe, Einsamkeit und durch die freigewordene Zeit offen zu Tage traten. Es gab Reibereien, auch Versöhnung und am Ende blieb das Verständnis für Denk- und Sichtweisen des Anderen.

Man hatte Zeit für Gespräche, lernte Personen genauer und intensiver kennen. Respektierte, tolerierte und lernte zu verstehen.

Der Weg war ergriffen von einer gewissen Spiritualität, die sich nicht in Worte fassen ließ.

Anfangs verstanden sie  wenig davon, sahen merkwürdig drein, wenn man andere Pilger von Gott, Visionen, Selbstfindung und vom Büßen erzählen hörte.

„…Das Treffen der unterschiedlichsten Nationalitäten, das Anwenden von erlernten Sprachen machte diese Reise zu etwas besonderem. Nebenher läuft ein Spanier, oder besser ein Baske in einem  rot-weiß gestreiften Hemd, der in einem Misch Masch von Spanisch, Englisch und Deutsch seine Ziele und seine innere Einstellung gegenüber dem Jakobsweg erläutert.

Dabei fällt mir auf wie entspannt er dabei dreinschaut. Das einzige was mir in diesem Moment auffällt sind meine Füße, die sich eher nach einem heißen Bad als nach einer, noch vor mir liegenden 15 Kilometer Strecke sehnen…“

Am Ende, sprich am Wallfahrtsort Santiago de Compostela, Hauptstadt von Galicien, ist den jungen Pilgern bewusst geworden, was eigentlich genau in den vergangen zehn Tagen mit ihnen passiert ist. Sind sie reifer geworden, haben sie vom Leben gelernt?

Genau sagen kann man das nicht. Was man aber trotzdem festhalten kann, ist die Akzeptanz von Strapazen zur Findung und Lösung von Problemen, die das Leben stellt.

Schmerzten die Füße noch so stark, am Ende stand man für einander ein.

Und die Acht waren Eins.

„…Der sandige, lehmige Boden unter meinen Füßen gab leicht nach. Die Füße schmerzten und die Riemen des schweren Rucksack drückten schwer auf Schulter und Hüfte. Der Geh-Stock der mein Gewicht verlagern sollte, drückte sich schwer in den Boden.  Doch das Ziel vor Augen schloss ich zur Gruppe auf. Auf zur nächsten Etappe auf dem Camino de Santiago…“

Von Eric Makswitat

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